LJUBLJANA, Slowenien--()--Führende europäische Agrar-Experten kamen am 22. April 2008 in Ljubljana (Slowenien) zusammen, um der slowenischen EU-Ratspräsidentschaft einer Erklärung der potentiellen Risiken des EU-Gesetzentwurfes zu übergeben. Die Wissenschaftler aus sieben Ländern befürchten, dass eine Einschränkung des Spektrums verfügbarer Pflanzenschutzmittel deren Effizienz einschränken würde, da es zu einer erhöhten Widerstandsfähigkeit der Schädlinge käme.
„Um die Produktion von bezahlbaren Lebensmitteln sicherzustellen, ist es unabdingbar, Bauern den Zugang zu einer Vielfalt von Pflanzenschutzmitteln zu ermöglichen. Dies ist Grundvoraussetzung, um die Entstehung von resistenten Schädlingen zu verhindern oder zu verzögern und um die Wirksamkeit der verbleibenden Pflanzenschutzmittel zu erhalten.“
Grund für die Sorge der Wissenschaftler sind die Vorschläge der EU-Institutionen zur Reform des Gesetzes über Pflanzenschutzmittel. Das Europäische Parlament stimmte für einen Vorschlag, der die Anzahl der autorisierten Pestizide in den kommenden Jahren drastisch reduzieren würde. In der „Erklärung von Ljubljana“ brachten die teilnehmenden Wissenschaftler ihre Befürchtungen zum Ausdruck, dass eine solche Entscheidung die Zukunftsfähigkeit der europäischen Landwirtschaften gefährden würde. Sie kamen zu dem Schluss, dass das erhöhte Risiko sich entwickelnder Widerstandsfähigkeit gegenüber den wenigen verbleibenden Substanzen den Anbau vieler Pflanzen in Europa problematisch oder sogar nicht wettbewerbsfähig werden lasse. Betroffen sind beispielsweise Wein, Weizen, Gerste, Früchte, Kartoffeln und Gemüse. Dramatisch steigende Lebensmittelpreise führen bereits jetzt zu einer gesteigerten globalen Nachfrage nach landwirtschaftlichen Ressourcen sowie zu ernsten Krisen in mehreren Regionen der Welt.
Die Erklärung unterzeichnete die Wissenschaftler im Rahmen eines Workshops dessen Gastgeber Dr. Andrej Simončič, Direktor des Agrarwissenschaftlichen Institutes von Slowenien. Anschließend wurde die Erklärung dem slowenischen Landwirtschafts-Minister Iztok Jarc übergeben. Der Sprecher der Wissenschaftler, Dr. Ian Denholm, Head of Plant and Invertebrate Ecology Division, Rothamsted Research, UK erklärte: „Um die Produktion von bezahlbaren Lebensmitteln sicherzustellen, ist es unabdingbar, Bauern den Zugang zu einer Vielfalt von Pflanzenschutzmitteln zu ermöglichen. Dies ist Grundvoraussetzung, um die Entstehung von resistenten Schädlingen zu verhindern oder zu verzögern und um die Wirksamkeit der verbleibenden Pflanzenschutzmittel zu erhalten.“
Die Gesetzgebung der Europäischen Union hat bereits jetzt zu einer Reduzierung des erhältlichen Portfolios an Pestiziden um mehr als 55% in den letzten zehn Jahren geführt. Aus Sicht der Experten, scheinen die politischen Entscheidungsträger die allgegenwärtige Bedrohung durch resistente Schädlinge, die die landwirtschaftlichen Erträge merklich mindern und zu steigenden Lebensmittel- und Futterpreisen führen können, übersehen zu haben
Mangelnde Vielfalt führt zu Resistenz
Schädlingspopulationen können Resistenz gegenüber Pflanzenschutzmitteln entwickeln, insbesondere wenn sie regelmäßig mit einem einzigen Produkttyp behandelt werden. Wenn eine Widerstandsfähigkeit gegen eine bestimmte Gruppe von Pflanzenschutzmitteln entstanden ist, wird deren Effektivität entweder deutlich reduziert oder geht komplett verloren. In der Vergangenheit habe neue Pflanzenschutzmittel dieses Problem oft gelöst. Allerdings benötigen die Hersteller durchschnittlich zehn Jahre und Investitionen von € 200 Mio., um ein neues Pflanzenschutzmittel zu entwickeln und zu registrieren. Regulative Vorgaben sind bereits jetzt so strikt, dass die Industrie nur fünf neue aktive Inhaltsstoffe pro Jahr auf den Markt bringen kann. Vor diesem Hintergrund äußerten die Wissenschaftler ihre Besorgnis, dass die Innovationskapazität der Pflanzenschutzmittel-Industrie nicht ausreichen wird, um die Produkte rechtzeitig zu ersetzen, die aufgrund der vorgeschlagenen Gesetzgebung vom Markt genommen werden müssten oder ihre Wirkung durch resistente Schädlinge in einiger Zeit verlieren würden. Dies wird zu geringeren Erträgen und höheren Lebensmittelpreisen führen.
Aus der Perspektive des Resistenzmanagements betrachtet, wurde das Spektrum verfügbarer Pflanzenschutzmittel in Europa durch den anhängigen EU-Wiederregistrierungsprozess auf Grundlage der Richtlinie 91/414 deutlich geschmälert. Von 952 Pflanzenschutzmitteln die zuvor existierten, verloren bereits 530 die Zulassung – eine weitere signifikante Reduzierung der Präparate ist zu erwarten.
Die derzeitige Revision der Richtlinie 91/414 wird durchgeführt seit die Europäische Kommission 2006 ihren Vorschlag präsentierte. In der ersten Lesung im Oktober 2007 ging das Europäische Parlament noch weiter und ergänzte Kriterien, die zum einem Verlust von 70%-85% der verbleibenden aktiven Substanzen führen würden. Der Ministerrat zielt nun auf ein politisches Übereinkommen im Mai 2008 ab, in dem die Ideen des Parlamentes Berücksichtigung finden sollen.
Die Wissenschaftler, welche die „Erklärung von Ljubljana“ verfasst und unterzeichnet haben, rufen die Europäischen Politiker auf anzuerkennen, dass der Erhalt einer ausreichenden Produktvielfalt notwendig für den Umgang mit der Bedrohung durch resistente Schädlinge ist.
Die Wissenschaftler befürchten, dass die vorgeschlagene europäische Gesetzgebung die Bauern dazu zwingen wird, eine geringere Anzahl von Pflanzenschutzmittel häufiger zu nutzen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Schädlinge resistent werden würde steigen, was wiederum die landwirtschaftliche Produktivität sowie das Einkommen der Europäischen Bauern bedrohen würde.
Es scheint, als sei diese biologische Anforderung, bislang von den Politikern stark vernachlässigt worden. Die Wissenschaftler zeigten auf, dass die Reduzierung der verfügbaren Substanzen einen Teufelskreis in Gang setzen könnte. Die vorgeschlagene Gesetzgebung wird Bauern zwingen eine geringere Anzahl von Substanzen häufiger zu benutzen. Dies wird die Wahrscheinlichkeit der Entstehung von Resistenz bei Schädlingen drastisch erhöhen, was wiederum zu einer noch stärkeren Nutzung der übrigen Pflanzenschutzmittel führt. Dies bedroht die landwirtschaftliche Produktivität und das europäische Bauerneinkommen.
Wissenschaftliche Teilnahme
Folgende Wissenschaftler nahmen am Workshop teil:
• Dr. Pablo Bielza Lino, Universidad Politécnica de Cartagena (Spanien)
• Dr. Ian Denholm, Rothamsted Research (Vereinigtes Königreich)
• Dr. Udo Heimbach, Julius Kühn Institut (Deutschland)
• Dr. Philippos Ioannidis, Plant Protection Institute of Thessaloniki (Griechenland)
• Andy Leadbeater, Fungicide Resistance Action Committee International (Schweiz)
• Paul Leonard, Insecticide Resistance Action Committee (Belgien)
• Lise Nistrup Jørgensen, University of Aarhus (Dänemark)
• Dr. Guido Sterk, Biobest (Belgien)

